hello familiii 02/19: Wie sinnvoll sind eigentlich Hausaufgaben?

Wenn die Schule mit nach Hause kommt. hat das Einfluss auf Familienleben und Freizeitverhalten. Wirklich etwas gelernt, wird dabei aber kaum.

Schwere Schulranzen, lange Stunden am heimischen Schreibtisch – nicht selten unterbrochen durch mahnendes elterliches Nachfragen. Hausaufgaben sind fixer Bestandteil des Schulalltags. Dabei dürfen Sinn und Zweck dieser Praxis durchaus hinterfragt werden. Immerhin gibt es bereits seit den 1960er Jahren zahlreiche Untersuchungen zum Thema – und in einem Punkt sind sich alle diese Studien einig: Auf den Lernerfolg haben Hausaufgaben im Grunde keine Auswirkungen. „Vorallem in der Volksschule und auch noch in der Mittelschule ist der Effekt sehr, sehr beschränkt“, bestätigt auch Corinna Geppert vom Insitut für Bildungswissenschaften der Uni Wien. Was vor allem daran liegt, dass in der Volksschule Fertigkeiten ausgebildet werden – also lesen, schreiben, rechnen – und Inhaltliches erst viel später am Stundenplan steht. „Prinzipiell gilt, was in der Schule noch nicht verstanden wurde, kann auch zuhause nicht gelöst werden“ bringt es Pflichtschulinspektorin Regina Müller-Grubich auf den Punkt. Dennoch verbringen heimische Schüler laut einer OECD-Studie von 2014 im Schnitt rund vier Stunden in der Woche mit Hausaufgaben. Und das bedeutet auch: Die Schüler verwenden auf sie mehr Zeit als auf alle anderen außerschulischen Aktivitäten. Genau dieser Umstand wurde zu einem der Kernargumente einer Diskussion, die in der kleinen Schweizer Gemeinde Kriens nun dazu führte das Konzept Hausaufgaben komplett über Bord zu werfen. „Wir müssen uns doch fragen: Können wir als Schule diese knapp bemessene Freizeit mit Hausaufgaben füllen? Freizeit ist wichtig“, so der Krienser Schulleiter Markus Buholzer.

Der liebe Familienfrieden

Doch, wenn Hausaufgaben nun nicht mit dem Lernfortschritt korrelieren, welche Aufgabe haben sie dann eigentlich? Geppert: „Sie dienen der Eltern-Schul-Kommunikation, haben eine gewisse Signalwirkung. Die Eltern sehen, was gerade im Unterricht durchgenommen wird und werden auch ein Stück weit in die Verantwortung genommen.“ Gerade das wird aber in vielen Fällen zur Belastungsprobe. Nicht selten wird die gemeinsame Familienzeit beeinträchtigt, weil Eltern die Kinder ständig antreiben oder die Ressourcen fehlen wirklich zu helfen. Während die Eltern in der Volksschule in der Regel noch leicht unterstützend wirken können, wird das mit dem Übergang in die weiterführende Schule oft zum Problem. Auch Franziska Richter weiß davon ein Lied zu singen. Nicht selten sitzt die berufstätige Mutter nach einem langen Tag noch bis 22 Uhr gemeinsam mit ihrer elfjährigen Tochter vor den Heften: „Das ist einfach zu lang. Aber das Hauptproblem ist, dass die Fächer, die meiner Tochter wirklich Spaß machen völlig in den Hintergrund treten, die sind ja schnell erledigt. Die ganze Energie geht in die Fächer, in denen sie Schwächen hat, das frustriert, macht aber die Noten auch nicht besser.“

Eine Erfahrung, die laut der aktuellen AK-Nachhilfestudie kein Einzelfall ist. Die zeigt nämlich vor allem eines auf: Viele Eltern können bei Hausaufgaben oder beim Lernen nicht helfen und haben aus beruflichen Gründen auch wenig Zeit. Ein Drittel der befragten Eltern erlebt es „als Stress, wenn schulische Aufgaben in die Familie getragen werden“, heißt es von AK-NÖ-Chef Markus Wieser zur Studie.

Die richtigen Bedingungen

Trotz alledem sind Hausaufgaben nicht wegzudenken (nur im Bereich der verschränkten Ganztagsschule scheinen sie tatsächlich weitesgehend verschwunden). Und die Vorstellung sie flächendeckend abzuschaffen, fällt dabei auch den (leidgeprüften) Eltern schwer. „Das ist einfach eine tradierte Geschichte“, sagt Grubich-Müller. „Man hat das Gefühl Hausaufgaben gehören irgendwie dazu.“ Damit sie aber auch positive Effekte haben, ist es wichtig sich Gedanken über die richtigen Bedingungen zu machen. Für Grubich-Müller bedeutet das etwa, das Hausaufgaben nicht zu lang sein und nur der Wiederholung dienen sollen. Sie zu nutzen um Lehrstoff durchzunehmen, für den in der Schule nicht mehr genug Zeit war, sei ein „No go“. Außerdem dürfe nicht vergessen werden, dass die Schüler völlig unterschiedliche Voraussetzungen bei der Erledigung der Aufgabe hätten – die einen machen sie zu Hause, die anderen im Rahmen einer Hausaufgabenbetreuung in Schule oder Hort. Die einen haben einen ruhigen Platz, an dem sich konzentriert arbeiten lässt, die anderen tüfteln inmitten der Geschwisterkinder am Küchentisch. Es liegt auf der Hand, dass die Ergebnisse da recht unterschiedlich ausfallen. „Ideal wäre, wenn zuhause zumindest niemand aktiv eingreifen würde“, meint Grubich-Müller, nur so könnten die Hausaufgaben den Lehrern tatsächlich einen Rückschluss auf den Wissensstand der Kinder geben. Das hält Geppert wiederum für unrealistisch: „Man wird Eltern nicht davon abhalten können, ihren Kindern zu helfen.“

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