hello familiii (12/18): Lernen nach neuen Regeln

Der Blick auf die Individualität des Kindes steht im Zentrum von Montessori und anderen reformpädagogischen Konzepten. Ihre Methoden finden vermehrt Eingang in die öffentlichen Schulen. hello familiii war auf Schulbesuch.

Das Schultor öffnet sich. Auf den ersten Blick ist die VS Karl-Löwe-Gasse eine ganz normale Wiener Volksschule. Ein gewaltiger Altbau, Linoleumboden, bunte Zeichnungen an den Wänden. Doch schon auf den zweiten Blick, scheint sich hier so manches von jenem Bild zu unterscheiden, das man sich in der Regel macht, wenn man an Schule denkt. Zwei Kinder liegen auf einem Teppich am Gang, vertieft in ihre Hefte. Das Mädchen daneben macht gerade Hampelmänner und andere Auflockerungsübungen und von den Schülern, die mit ihren Unterlagen am Schoß, gemütlich an der Wand lehnen, dringt gedämpftes Gemurmel herüber. Die Türen zu den Klassen stehen offen, drinnen sitzen Schüler in Kleingruppen beisammen. Allerorts herrscht eine Art konzentrierte Geschäftigkeit. Die Tafel bleibt ungenutzt.

Das kompetente Kind. 13 Klassen gibt es an dieser öffentlichen Volksschule in Wien Meidling und sie alle verfolgen unterschiedliche reformpädagogische Ansätze. Was sie gemeinsam haben, ist „der ganzheitliche Blick auf das Kind, die Anerkennung von Heterogenität und Individualität“, so Schulleiterin Barbara Urban. Und das heißt: „Die Kinder werden dabei unterstützt, anhand ihrer Stärken zu lernen, sich selbst zu strukturieren und ihr Können richtig einzuschätzen.“ Eigenverantwortlichkeit und Selbstwirksamkeit sind dann auch so etwas, wie Schlüsselkompetenzen, die den Schülern hier mitgegeben werden. „Wenn die Schüler einen Lernabschnitt abgeschlossen haben, kommen sie selbstständig zu uns und sagen ‚ich brauche eine Prüfung‘, erzählt etwa Kathrin Wiener, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Elisabeth Lewy die MSK1 – eine Mehrstufenklasse mit Montessorikonzept – leitet. „Wir lassen die Schüler ihre Leistung auch selbst einschätzen und zu 95 Prozent liegen sie damit richtig“. Was darüber hinaus das Besondere an ihrer Klasse wäre? „Bei uns können die Schüler nach ihren Begabungen lernen. Da kommt es etwa vor, dass jemand auf dem Niveau der 2. Klasse schreibt, aber auf dem Niveau der 3. Klasse rechnet. Das wäre im klassischen Modell nicht möglich. Dieser Schüler würde sich in Mathematik langweilen und nicht mehr mitmachen. Und das ist kein Einzelfall“

Eigeninitiative ist alles. „Reformpädagogischer Unterricht ist immer eng mit den Lehrpersonen verbunden, die ihn in die Klassen bringen. Die Pädagogen müssen sich bewusst für diese Art zu unterrichten entscheiden“, erklärt Urban. Denn: Nur, was von den Lehrenden selbst initiiert wird, passiert. Wiener und Lewy haben ihre Montessoriausbildungen etwa aus eigener Tasche bezahlt und in ihrer Freizeit gemacht, auch die ersten Materialien kaufte Lewy vor knapp 20 Jahren selbst. Wer frischen Wind in seine Schule bringen will, wird dabei von offizieller Seite also nicht unterstützt, aufgrund der Schulautonomie aber immerhin auch nicht behindert. „Es gibt Lernziele, die erreicht werden müssen, aber die Umsetzung des Lehrplans liegt in der Hand der Schule. Dadurch kann man auf die Individualität der Schüler und der Lehrer eingehen“, sagt Urban. Wenn man denn will. „Es steht und fällt mit der Eigentinitiative an den Schulen“, bestätigt auch Pflichtschulinspektorin Regine Grubich-Müller, die berufswegen Einblick in die unterschiedlichsten Schulen hat. „Es geht um einen gewissen Geist an den Schulen. Gerade an der Volksschule gibt es sehr viele Möglich- keiten, das ist toll, gleichzeitig gibt es aber eben auch wenig Einheitlichkeit, es herrscht eine gewisse Marktstandlsituation“, berichtet sie. Und vor allem: Es gibt keinen Überblick, keine offiziellen Daten zu reformpädagogischen Klassen, niemand weiß, wie viele es gibt und was sie eigentlich genau machen. „Das ist schade, denn Daten aus einer qualitativen Erhebung könnte man gut nutzen“, so Urban. Interessierte Eltern müssen sich also mühselig durchfragen, österreichweit ist es beinahe unmöglich einen Überblick über das Angebot zu bekommen.

Eine Schule der Praxis. Neben Montessori gibt es in der Karl-Löwe-Gasse noch andere Konzepte – etwa die Freinet-Klasse von Eva Obernberger und Angelika Schönfeldt. Hier sind die Schüler im Klassenrat organisiert. Ein besonderer Fokus liegt auf dem selbstständigem Forschen und Erleben. „Es versucht ja auch niemand einem Kind das Radfahren theoretisch beizubringen“, so Oberndorfer, die sich selbst in der Rolle eines Lernbegleiters sieht: „Wir beobachten, wir begleiten und die Kinder holen sich die Hilfe, die sie brauchen.“ Regelmäßig sind ganze Tage für Interessen reserviert, die sich nicht ohne weiteres in den Lehrplan einordnen lassen – da kann es schon mal vorkommen, dass sich Schüler intensiv mit der chinesischen Tonleiter beschäftigen.
Tun sich die Schüler, gewohnt an solche Freiheiten, denn beim Übertritt in die weiterführende Schule nicht manchmal schwer? Grubich-Müller schüttelt den Kopf: „Nein. Es ist eher so, dass die Sekundarstufe die Kompetenzen, die die Kinder da mitbringen, viel zu wenig nutzt.“

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